Gustav Mahler. Sinfonie Nr. 10 (by Thomas Meyer)

Gustav Mahler Sinfonie Nr. 10

Das persönlichste Werk Gustav Mahlers, die unvollendet gebliebene Zehnte Sinfonie, kann nur mit mehr oder weniger befriedigenden Rekonstruktionsversuchen aufgeführt werden.

Als das «traurigste Kapitel» im grossen, zehnteiligen sinfonischen Roman Gustav Mahlers bezeichnet David Zinman diese Zehnte Sinfonie. Er sagt darin seiner Frau Alma Ade, spricht davon, wie desillusioniert er vom Leben ist, blickt in die Zukunft der Musik. Tatsächlich richtet er geradezu eine Botschaft an Alma: «Du allein weisst, was es bedeutet», notierte Mahler über den Schluss des Werkes. Eine schwere Ehekrise – Alma hatte sich verliebt – begleitete die Entstehung; sie ist dem Werk gleichsam eingeschrieben, und man hat über die genauen biografischen Bezüge spekuliert, soweit sie von Mahler nicht ohnehin durch eigene, sehr intime Eintragungen (oder vielmehr verzweifelte Ausrufe) vorgegeben sind. Wenn Arnold Schönberg fand, in der Neunten spreche kaum mehr ein Subjekt, so dringt dieses Subjekt hier auf höchst expressive Weise durch. Manche halten die Zehnte deshalb für Mahlers persönlichstes Werk.

Nach der Neunten, die im dreifachen Piano endete, die gleichsam verstummte, «weil alles gesagt ist» (Eggebrecht) – nach dieser bedeutenden Sinfonie also musste Mahler gleichsam wieder bei null anfangen. Der Anfang des Adagios bzw. des Werkes drückt dies aus. In der Mittellage, auf dem cis1 (dem enharmonisch umgedeuteten Des-Dur-Schluss der Neunten also gleichsam) beginnt eine rezitativisch freie, von Ferne an Tristan und Isolde erinnernde Linie der Bratschen – ausgerechnet also bei jenen im Orchester oft etwas belächelten, «unbedeutenden» Instrumenten. Ihnen, die in der Neunten die letzte Geste spielten, wird nun auch dieser Neubeginn anvertraut. Ihre einstimmige Melodie wird an formal wichtigen Schnittpunkten noch mehrmals auftauchen.

Diesem wägenden Beginn, einem Andante, antwortet das eigentliche Adagio, das mit einer weitgezogenen Violinmelodie (piano, aber sehr warm) beginnt und später in ihrer Umkehrung fortgeführt wird. «Mein zagend Denken und mein brausend Fühlen», wie Mahler in einem Gedicht an Alma formulierte, erscheinen also mit Andante und Adagio nebeneinander. Die Geigen führen zurück zum Bratschenunisono. Dieser zweite Neubeginn wird wieder vom Adagio fort- und durchgeführt und gesteigert. Bemerkenswert ist die dichte Polyphonie, die Mahler in diesem Satz aus einer einzelnen Linie aufbaut. Allmählich werden die Elemente beider Themen in einer Art Durchführung ineinander verwoben. In der Reprise scheint das Adagiothema mit seiner Umkehrung vereinigt. Die Musik will schliesslich verebben. Dreifaches Piano. Da hebt wie aus der Tiefe ein gewaltiger Choral in as-Moll an. Mehr noch: Dieser rauschhafte Klang reduziert sich zunächst, und plötzlich türmt sich ein dissonanter, Terzen aufschichtender Neuntonakkord auf, ein schmerzhaftes Gebilde, einzigartig in Mahlers Oeuvre von der Expressivität und von der Harmonik her, «ein Aufschrei, der modernste Moment in Mahlers Musik», wie Zinman meint. Dieser Akkord bildet den eigentlichen Kulminations- und Wendepunkt des Satzes. «Zusammen floss zu einem einzigen Akkord / Mein zagend Denken und mein brausend Fühlen.» Es folgt ein Abgesang; Fragmente eines Chorals, aber auch des Bratschenbeginns und des Adagiothemas scheinen auf, bevor die Musik entschwindet.

In den drei Mittelsätzen, die zusammen so lange dauern wie jeweils das Adagio bzw. das Finale, werden zwei längere Scherzi um einen zentralen kürzeren Satz gruppiert. Das erste Scherzo erscheint äusserlich etwas harmloser, aber wenn man mitzuzählen versucht, merkt man, wie das Metrum unruhig von Takt zu Takt wechselt. Den Gegensatz dazu bildet der Trioteil im «gemächlichen Ländler-Tempo»; die Reprise des eigentlichen Scherzo-Teils (der zuvor schon einmal in den Ländler eindringt) ist ihrerseits unterbrochen von jenen typischen Mahler-Momenten, in denen die Musik plötzlich «sehr ausdrucksvoll» innehält, als eröffne sich der Blick auf etwas anderes.

Insgesamt wirkt dieses erste Scherzo heiterer als das zweite, handfestere. Mahler notierte zu diesem: «Der Teufel tanzt es mit mir» und «Wahnsinn, fass mich an, Verfluchten! – vernichte mich, dass ich vergesse, dass ich bin! dass ich aufhöre zu sein, dass ich ver[].» Vom ersten Akkord an hat das Stück etwas Erschreckendes. Motive, die wir aus früheren Mahler-Sätzen kennen, werden auf verzweifelte Weise von einem ins andere Extrem getrieben. Die gemächlicheren Trioteile bieten da kaum Erholung. Über dem letzten Trommelschlag schrieb Mahler, Alma vor dem inneren Auge: «Du allein weisst, was es bedeutet / Ach! Ach! Ach! / Leb’ wol mein Saitenspiel! / Leb wol / Leb wol / Leb wol / Ach wol / Ach / Ach.» Die Musik durchwandert – nachdem wir in früheren Sinfonien himmlische Freuden erlebt haben – nun höllische Qualen oder zumindest Grotesken.

Entsprechend steht zwischen den beiden Scherzi ein Fegefeuer, das rätselhafte Purgatorio, einer der kürzesten Sinfoniesätze Mahlers überhaupt. Ursprünglich stand «Purgatorio oder Inferno» darüber, bis Mahler die Hölle wenigstens durchstrich, sodass die Idee einer Läuterung bestehen blieb. Seltsam ist, wie dieser Satz in seiner dreiteiligen Form locker, wenn auch unruhig an einem vorbeitanzt und so wenig Höllisches an sich hat, seltsam freilich auch, wie zum Schluss die Harfe alles Gehörte mit einer weiten Geste wegwischt.

Die gedämpften Trommelschläge des zweiten Scherzos setzen sich zu Beginn des Finales in einem unheimlichen und unerbittlichen Kondukt fort. Eine fliessende Flötenmelodie führt in eine hellere Stimmung. Der Kondukt des Anfangs kehrt zurück und leitet zum Allegro moderato über, das die gleichen Elemente beschleunigt und weitertreibt. In einer weiten Entwicklung fasst das Finale nochmals zusammen. Es blickt zurück, entwirft und verwirft Gedanken, treibt sich an, hoch hinauf und stürzt ab. Schliesslich erreicht es jenen so dissonanten Akkord aus dem ersten Satz und kehrt sogar zum Andante des ersten Satzes zurück. Die einstimmige Bratschenlinie wird nun freilich von den Hörnern intoniert. Dieses nun frei weiterentwickelte und immer langsamer werdende Adagio bildet den Abschluss des Werkes. Über die letzten, nochmals jäh auffahrenden Takte schrieb Mahler: «Almschi! für dich leben ! für dich sterben!»

Leicht zu deuten ist das Stück trotz der vielen Anmerkungen Mahlers nicht. Viele Fragen müssen offenbleiben, zumal die Zehnte ja unvollendet blieb. Sie blieb nur im Particell erhalten. «Statt eines Ganzen, abgeschlossen, wie ich geträumt, hinterlasse ich Stückwerk, Unvollendetes: wie es dem Menschen bestimmt ist.» Was Gustav Mahler 1907 zu den Mitgliedern der Wiener Hofoper sagte, trifft tragischerweise auch auf sein letztes Werk, die Zehnte Sinfonie, zu.

Bald stellte sich die Frage, ob man es fertigstellen könne, ja dürfe. Alma Mahler hatte von ihrem Mann die Weisung erhalten, das Manuskript zu vernichten, der sie aber nicht folgte. Bruno Walter, der das Manuskript als einer der Ersten zu Gesicht bekam, empfahl, es weder zu edieren noch es aufzuführen. Aufgrund finanzieller Probleme entschloss sich Alma Mahler dann aber doch dazu. Der Komponist Ernst Křenek sah als Erster die Skizzen durch, fand die Idee, das Werk zu vollenden zwar «damals schon widerwärtig», entschloss sich aber, immerhin das Adagio und das Purgatorio für die Uraufführung einzurichten. Vor allem am Purgatorio hatten nicht nur Křenek, sondern auch Alban Berg und die Dirigenten Franz Schalk und Alexander von Zemlinsky mitgearbeitet. Unverzüglich nach den ersten Aufführungen 1924 setzte Kritik ein. Das Purgatorio, bei dem weitaus mehr ergänzt werden musste, erwies sich bald als der schwächere Teil. Lange wurde deshalb das Adagio allein gespielt.

Unter den Komponisten, die man später um eine Vollendung des Werkes anging, waren immerhin Dmitri Schostakowitsch, Benjamin Britten und Arnold Schönberg. Es waren aber nicht die Komponisten, sondern die Musikwissenschaftler, die sich an die Arbeit wagten. Verschiedene Versionen entstanden, allen voran jene des Engländers Deryck Cooke, der bei der Arbeit immerhin die drei Komponisten Berthold Goldschmidt, Colin und David Matthews an seiner Seite wusste. Seine Fassung, die zunächst nur zur «Lektüre» bestimmt war, ist die bekannteste und meistgespielte. Weitere Versionen stammen vom russischen Dirigenten Rudolf Barshai, vom Engländer Joseph Wheeler, dem Amerikaner Remo Mazzetti, dem deutschen Schriftsteller Hans Wollschläger, vom Duo Nicola Samale/ Giuseppe Mazzucca und schliesslich vom Amerikaner Clinton A. Carpenter (1921-2005). Befriedigen kann letztlich keine völlig. «All diese verschiedenen Bearbeitungen, die im Lauf der Zeit entstanden sind und noch entstehen werden, sind nur Vermutungen darüber, was Mahler wohl getan hätte», meint David Zinman dazu.

Trotz vieler Einwände hält er es aber für wichtig, dass die Zehnte aufgeführt wird, «gerade auch im Kontext der anderen Sinfonien». Er hat bislang jeweils die Cooke-Version verwendet, aber weil die meisten Dirigenten diese Version bevorzugen, wollte er etwas anderes machen. «Carpenter hat sich sein ganzes Leben mit dem Werk beschäftigt. Im Autograf gibt es viele leere Zeilen, und der Bearbeiter muss einiges hinzukomponieren. Er übernahm deshalb viele Stellen aus anderen Sinfonien.» Carpenter ging in seiner Bearbeitung am weitesten, indem er Akkorde ausfüllte und Stimmen hinzufügte. Zinman: «Dadurch erhält seine Version mehr von diesem spezifischen Mahler-Klang. Carpenter hat wirklich mit diesem Werk gelitten, er hat mehrere Versionen hergestellt, bis endlich eine Aufführung mit Gordon Peters, einem Freund von mir, zustande kam. Danach nahm er weitere Änderungen vor. Es gibt natürlich auch hier Dinge, die ein wenig zweifelhaft sind. Und viele dieser Fragen sind selbst aufgrund des Manuskripts kaum zu entscheiden. Manchmal muss man die Partitur nach dem eigenen Verständnis aufgrund der Skizzen ändern. Es wird also aufregend, das Stück in dieser Fassung aufzuführen.»

Thomas Meyer

Literaturhinweis

Kurt Blaukopf: Gustav Mahler oder Der Zeitgenosse der Zukunft; München 1973.

Hans Heinrich Eggebrecht: Die Musik Gustav Mahlers; München 1982.

Jörg Rothkamm: Wann entstand Mahlers Zehnte Symphonie? – Ein Beitrag zur Biographie und Werkdeutung; in: Musik-Konzepte 106 «Gustav Mahler. Durchgesetzt?»; München (edition text + kritik) 1999.

Jörg Rothkann: Gustav Mahlers Zehnte Symphonie. Entstehung, Analyse, Rezeption; Frankfurt am Main (Peter Lang) 2003.

Henry-Louis de La Grange: Gustav Mahler; Paris, Fayard, 2007.

Interview mit David Zinman vom 2. Oktober 2009; abgedruckt im Magazin des Tonhalle-Orchesters Dezember 09/Januar 10.

Besetzung

Piccolo, 4 Flöten, 3 Oboen, Englischhorn, 3 Klarinetten, Klarinette in Es, Bassklarinette, 4 Fagotte (3. und 4. auch Kontrafagott), 4 Hörner, 4 Trompeten, 3 Posaunen, Tuba, Pauken, Schlagzeug, 2 Harfen, Streicher

Entstehung

Komponiert im Sommer 1910, vervollständigt von Clinton A. Carpenter zwischen 1946 und 1983

Uraufführung

Uraufführung des Adagios und des Purgatorios am 12. Oktober 1924 in Wien mit dem Orchester der Wiener Staatsoper unter der Leitung von Franz Schalk

Fassung von Clinton A. Carpenter am 8. April 1983 in Chicago vom Civic Orchestra of Chicago, einem halbprofessionellen Trainingsorchester des Chicago Symphony Orchestra, unter der Leitung von Gordon Peters

Tonhalle-Orchester Zürich

erstmals in Konzerten des Tonhalle-Orchesters Zürich

Zitat:

«Statt eines Ganzen, abgeschlossen, wie ich geträumt, hinterlasse ich Stückwerk, Unvollendetes: wie es dem Menschen bestimmt ist.»

Gustav Mahler am 7. Dezember 1907 zu den Mitgliedern der Wiener Hofoper

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: