Thomas Meyer Interview Mit David Zinman

Mahler 10 Interview David Zinman

Das persönlichste Werk Mahlers

David Zinman dirigiert Mahlers 10. Sinfonie in der Rekonstruktion von Clinton A. Carpenter.

TM: David Zinman, Sie bezeichnen die Sinfonien Gustav Mahlers ja als einen grossen, mehrteiligen Roman. Worum geht es in diesem letzten und zehnten Kapitel?

David Zinman: Es ist das traurigste Kapitel. Er sagt darin seiner Frau Alma Ade, spricht davon, wie desillusioniert er vom Leben ist, blickt in die Zukunft der Musik. Die Erweiterung der Tonalität wird an Orte führen, die man erst nach ihm erreichen wird. Das Werk hat, wenn wenn Sie sich Stücke von Berg, Britten oder Schostakowitsch betrachten, viele Komponisten stark beeinflusst.

TM: Die Zehnte setzt dort an, wo die Neunte aufhört: mit den Bratschen allein.

David Zinman: Genau. Es ist eine Fortsetzung. Mahler selber war ja so zufrieden mit der Form der Neunten, mit zwei langsamen Sätzen als Rahmen, dass er diese Idee wieder aufgriff. Das Eingangs-Adagio enthält den modernsten Moment in Mahlers Musik: ein Aufschrei, ein dissonanter Akkord, entstanden durch die Schichtung von Terzen. Danach folgen ein Scherzo, dann ein leichterer Satz, noch ein Scherzo und dann dieses grosse Finale. Er verwendete dabei auch Zitate aus seinen früheren Stücken, aber ich finde eigentlich, dass alle Mahler-Sinfonien die gleichen Motive verwenden. Es sind Charaktere in einem Roman, der immer weitergeht.

TM: Viele halten die Zehnte auch für Mahlers persönlichstes Werk.

David Zinman: Dem stimme ich zu. Obwohl natürlich alle sehr persönlich sind. Hier aber machte er am Rande der Skizzen kurze Notizen über sein Verhältnis zu Alma oder über seinen Todeskampf. Man hat gemeint, das Werk deswegen nicht aufführen zu dürfen, aber es stecken zu viele grossartige Momente darin…

TM: Nun hat Mahler das Werk ja nicht vollendet.

David Zinman: Er skizzierte es, aber er führte es nicht Ende. Und all diese verschiedenen Bearbeitungen, die im Lauf der Zeit entstanden sind und noch entstehen werden, sind nur Vermutungen darüber, was Mahler wohl getan hätte. Aber es ist nicht vollständiger Mahler. Nur der erste Satz ist fast fertig. Dennoch halte ich es für wichtig, dass das Stück aufgeführt wird, gerade auch im Kontext der anderen Sinfonien.

TM: Nun haben sich zwar einige Komponisten geweigert, dieses Werk fertigzustellen. Mehrere Musiker und Musikwissenschaftler hingegen haben sich daran gewagt, manche gleich mehrmals. Die Fassung von Deryck Cooke ist die bekannteste. Sie aber haben sich nun für eine andere entschieden, jene von Clinton A. Carpenter.

David Zinman: Cookes Version, die ja zunächst nur zur Lektüre dienen sollte, ist sehr klar. Aber weil die meisten Dirigenten bislang Cooke aufgenommen haben, wollte ich etwas anderes machen. Carpenter hat sich sein ganzes Leben mit dem Werk beschäftigt. Im Autograph gibt es viele leere Zeilen, und der Bearbeiter muss einiges hinzukomponieren. Carpenter übernahm deshalb viele Stellen aus anderen Sinfonien.

TM: Er geht auch am weitesten, indem er Akkorde ausfüllt und Stimmen hinzufügt.

David Zinman: Dadurch erhält seine Version mehr von diesem spezifischen Mahler-Klang. Carpenter hat wirklich mit diesem Werk gelitten, er hat mehrere Versionen hergestellt, bis endlich eine Aufführung mit Gordon Peters, einem Freund von mir, zustande kam. Danach nahm er weitere Änderungen vor. Es gibt natürlich auch hier Dinge, die ein wenig zweifelhaft sind. Und viele dieser Fragen sind selbst aufgrund des Manuskripts kaum zu entscheiden. Manchmal muss man die Partitur nach dem eigenen Verständnis aufgrund der Skizzen ändern. Es wird also aufregend, das Stück in dieser Fassung aufzuführen.

Das Interview führte Thomas Meyer.

Kasten TonhalleLATE

Es ist ja keineswegs selbstverständlich, dass ein so grosses und nicht unproblematisches Werk wie die Zehnte Mahler in einem TonhalleLATE-Konzert erklingt, bei dem anschliessend getanzt wird. Mutet David Zinman da dem jungen, wenig Mahler-erfahrenen Publikum nicht zuviel zu? Er habe mit der Sechsten bereits gute Erfahrungen gemacht, sagt er im Gespräch. Das Publikum habe die Aufführung genossen und auch die Botschaft verstanden. Wie damals werde er zuvor etwas (aber nicht zuviel) über das Stück erzählen, so dass die Hörerinnen und Hörer einige Anknüpfungspunkte hätten, und dann, so glaube er, werde das Stück ihnen keine Probleme bereiten.

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